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PROLOG
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((Herr Mann wird gefoltert. Eventuell Musik. In jedem Fall empfiehlt sich, das Stück mit einem gellenden Schrei zu beginnen. Dann:))
HERR MANN:
Ich denke – also bin ich.
CHOR:
Falsch!
((Herr Mann schreit erneut. Erholt sich mühevoll. Schwer atmend, schluchzend:))
HERR MANN:
Ich bin – und darum denke ich.
CHOR:
Falsch!
((Herr Mann schreit. Nach einer Weile:))
Herr Mann:
Ich denke, also—liebe ich!
CHOR:
Falsch!
((Herr Mann schreit.))
CHOR:
Maximilian Philipp Mann. Alter: 24. Größe: 1 Meter, 79 Centimeter. Schmerztoleranz – zum Tode: 101. Zur Ohnmacht: 75. Wir erhöhen den Grad des zugeführten Schmerzes auf: 73.
HERR MANN:
Nein, nein! Bitte nicht! Bitte:
Ich denke, also—
Ich denke – also lieg ich sicher falsch.
((Er wird befreit.))
HERR MANN:
Ich denke, also lieg ich sicher falsch.
Wer Großes plant, der irrt sich größtenteils.
Was gestern als Prinzip noch galt,
Wirkt heute überholt und alt
Ich denke, also lieg ich sicher falsch.
((Und Musik!)) [...]
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Aus 2: „FINDEN SIE NICHT AUCH?“
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[…]
NOMOS:
Stress und Überstimulation sind die Übel unserer Zeit. Laut einer Studie des Ministeriums für Gesundheit – das Angelegenheiten der Krankheit verantwortet – nahm die Zahl der Erschöpfungsdiagnosen in den letzten Jahren drastisch zu. Die eurasische Regierung reagierte entschlossen: mit der Kampagne „Detox Your Mind“.
CHOR:
Detox your Mind!
Detox your Mind!
Detox your Mind!
Detox your Mind!
NOMOS:
Um die Bürger*innen Eurasiens zu unterstützen, befreite das Ministerium sie von der Verantwortung über ihre medizinischen Daten. Diese werden nun stattdessen nur noch im Ministerium für Gesundheit verwaltet.
EUPHEM/IA:
Total die Entlastung. Ich selbst weiß auch gar nichts mehr über meine Probleme.
CHOR:
Puh!
EUPHEM/IA:
„Unwissenheit“ oder „Ignoranz“ hätte man das früher genannt, vor der Revolution. Aber ich persönlich bevorzuge den Begriff „Informationsfreiheit“. Ich lebe ein Leben frei von unnötigen Informationen.
CHOR:
Puh!
[…]
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Aus 3: „ANTON UND DAS BUCH“
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ANTON:
Es gibt Ideen, Worte und Gedanken, zu denen man im Dunkeln besser findet. Der größte Traum. Die schlimmste Angst. Sie finden einen leichter ohne Licht.
Die Wünsche, Sehnsüchte, die nicht gesehen werden wollen oder müssen. Die keinen andern brauchen, außer einen selbst. Der Kindheitstraum, der einfach so und ohne Eitelkeit in einem lebt. Das Wundern über Klänge ferner Glocken. Der Dialog mit einem Wind.
Das sind Gebete ohne Gott. Erfahrungen, die niemand anderes sieht. Die Vorstellungen, die man sich macht, während man auf jemanden wartet. Erinnerungen an den ersten Schultag. Oder: Ein Notizbuch. Die Anzugskraft eines neuen Notizbuchs, das leer im Laden liegt, und weich und weiß zu einem aufschaut. Dieses Notizbuch, leer, vollkommen frei von Zweck und Ziel – was ist es daran, das zu einem spricht? Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Das sind Gedanken, die niemand kennt, die niemand hinterfragt.
Das ist die eine Stelle Welt, die nichts von mir verlangt.
[…]
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5: DER HASS I: JULIAS REDE
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JULIA:
ES GIBT KEINEN GUTEN SEX.
Für viele, viele, aberviele Frauen,
viele, aberviele Jahre und Jahrhunderte hindurch
gab und gibt es keinen guten Sex.
Sex – Sex ist und war seit seinem Anbeginn ein Mittel der Versklavung von Frauen, der Vernichtung.
Ein Mittel, um aus Frauen die Opfer, die Sklavinnen ihrer Beherrscher zu machen. Die Zugpferde derer Lust.
Sex ist in seinem Grunde von Begierden durchzogen, die nicht unsere sind,
von Strukturen, Machtgefällen, die uns, die Frauen unterdrücken wollen—
Auslöschen wollen.
Was haben sich Frauen von dem Akt zu erhoffen? Wenn man auf die letzten Jahrtausende zurückschaut: Schmerz – Schwangerschaft – im besten Fall: Geduld. Das ist es, was dieses Wort für Frauen bedeutet hat, seit aberlanger Zeit, und was es für viele, aberviele Frauen auch heute noch bedeutet, wenn man sich die echten Tatsachen anschaut.
Aus empirischer Sicht war und ist Sex sexistisch. Und auf diese Weise ist das Wort an sich schon ungerecht. Denn seit es den Begriff gibt, beschreibt er eine Realität, in der Frauen benachteiligt sind. Und wer behauptet, der gute, faire Sex sei mItGeMEint – der argumentiert gegen die Geschichte. Und der leugnet auch die aktuelle Lebensrealität von Frauen überall.
Seit vier Jahren bin ich Hauptvorstandsprecherin für die eurasische Anti-Sex-Liga. Ich habe Aufklärungsarbeit für und mit vielen tausend Frauen geleistet. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich den Wandel – die Trans-for-ma-tion unzähliger Frauen weg von ihren patriarchalen Trieben begleitet. Anfänglich heterosexuelle Frauen befreien sich in einem heilenden, gruppendynamischen Prozess von dem männlichen Gewicht in ihrer Lust.
Heute umfasst die Liga der freiwillig enthaltsamen Eurasierinnen mehr als 65% der Frauen der Nation.
Aufgrund meiner Erfahrungen ist es mir eine umso größere Ehre, den neusten Beschluss des Ministeriums für Wahrheit zu verkünden:
Das Wort „Sex“ – wird eliminiert werden.
Ja, Sie haben richtig gehört, meine Damen und Herren: In der nächsten, finalen Ausgabe des Eurasischen Wörterbuchs wird dieser abscheuliche, diskriminierende Begriff nicht mehr zu finden sein.
Jahrhunderte, Jahrtausende, Äonen lang hat er, dieser Begriff, unser Denken per force patriarchal ausgelegt.
Nie mehr!
Die groteske heterosexuelle Verbindung ist keines Begriffes in unserem solidarischen Wortschatz würdig.
Ich darf Sie außerdem in eine weitere, geheime Maßnahme des Miniwahr einweihen. Inoffiziell wird ein neues Wort in Eurasien verbreitet werden. Ein Umgangswort, ein Schimpfwort, um „Sex“ zu ersetzen. Dieses neue Wort wird in keinem Schriftdokument zu finden sein. Der durchschnittliche Eurasier wird sich verbitten, es jemals zu verwenden: Schweinsgejaul.
Das ist es, was Frauen seit Anbeginn unserer Zeit erleiden mussten: Schweinsgejaul.
Es erscheint uns der einzig gerechte Ausdruck für ein so tief entwürdigendes Konzept. Ein Schimpfwort.
Mögen die Tiere, die es brauchen, zu ihm finden!
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Aus 9: ZWEITE ANNÄHERUNG AN JULIA
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JULIA:
Bist du wahnsinnig? So bringen sie dich um!
ANTON:
Aber ich bin schon tot!
JULIA:
Oh. – Ich ja auch.
ANTON:
Du? Aber du bist doch—Bist du nicht— Vorstandssprecherin und— Oder ist das nur zur Tarnung?
JULIA:
Es war mal echt. – Auf der Suche nach den wahren Gedanken bin ich eine Zeit lang bei den lauten hängengeblieben. Aber jetzt ist es nur zur Tarnung, ja.
ANTON:
Und—Bist du in der Geheimgesellschaft? Kennst du Goldstein—
JULIA:
Pschhht! Nein. Ich kenne niemanden, und ich weiß nichts. Genau wie du. Ich weiß nur, dass ich dir das hier zeigen soll.
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